Der Artemistempel stand auf ebenem Gelände am Rand von Selçuk in der Provinz İzmir, und heute markiert eine einzelne Säule die Stelle. Man geht leicht an ihr vorbei, doch das Heiligtum, zu dem sie gehört, war weit länger heiliger Boden als die römischen Straßen des nahen Ephesos. Die frühesten Funde hier stammen aus der Spätbronzezeit, und nach der Darstellung der Stadtverwaltung von Selçuk wurde Artemis an diesem Ort seit Beginn der Eisenzeit, dem Ende des 11. Jahrhunderts v. Chr., wenn nicht schon früher verehrt. Der Ayasuluk-Hügel und das Ephesos-Museum liegen beide in kurzer Entfernung, und zusammen erklären sie, wofür die einzelne Säule steht.
Vom Holzschrein zum Marmorriesen
Der Tempel wurde mehrmals neu gebaut, jede Fassung größer als die vorige und jede nach Westen ausgerichtet. Der erste, der über der Erde nicht mehr zu sehen ist, war ein bescheidener archaischer Bau von etwa 13,5 mal 8,5 Metern. Seine Wände waren aus Stein, seine Säulen aber aus Holz und standen auf steinernen Basen; im Inneren stand unter einem Baldachin auf sechs Säulen ein hölzernes Bild der Göttin.
Kurz vor 560 v. Chr. begann der Bau von etwas ganz anderer Größenordnung: ein Marmortempel mit einem doppelten Säulenkranz, ein Dipteros, zum Teil von Krösus, dem König von Lydien, bezahlt. Er war mehr als hundert Meter lang und etwa sechzig breit, und seine 106 Säulen waren oft mit Reliefs verziert. Nur die Säulenhallen hatten ein Dach. Die Mauern umschlossen einen offenen Hof, und in diesem Hof standen der ältere Schrein und in der östlichen Hälfte das Gebäude für das Kultbild.
Der Brand von 356 v. Chr.
Dieser Marmortempel brannte 356 v. Chr. nieder, in einem Feuer, das ein Mann namens Herostratos legte. Die Arbeiten an seinem Nachfolger begannen sofort. Die Baumeister behielten die Grundzüge des alten Entwurfs bei, sogar die verzierte Traufrinne, hoben aber alles an: Der neue Tempel hatte wahrscheinlich 127 Säulen von je 18,4 Metern Höhe auf einem Stufenbau, der 2,7 Meter über dem früheren Boden lag, mit einer inneren Treppe hinab zur alten Ebene.
Die Säule, die man heute sieht
Die Säule, die heute an der Stelle steht, wurde 1973 als Rekonstruktionsversuch errichtet und ist zusammengesetzt. Ihre Trommeln stammen von verschiedenen Säulen; sie steht auf einer originalen Basis des Tempels aus dem 4. Jahrhundert, unter der ein Block des Baus aus dem 6. Jahrhundert liegt. Die Säulen des Tempels selbst ragten etwa vier Meter höher auf. Zu beachten sind außerdem ein kurzes Mauerstück auf der Westseite, Teile der Hofmauer und eine umgestürzte Säule einer späteren Kirche südlich davon.
J. T. Wood lokalisierte das Heiligtum 1869. D. G. Hogarth und A. Henderson leiteten 1904–05 die Ausgrabungen für das Britische Museum; später, ab 1965, legte A. Bammer vom Österreichischen Archäologischen Institut den Altar des Hofes und das früheste Kultgebäude frei.
Die Göttin im Ephesos-Museum
Wer sehen möchte, was hier verehrt wurde, geht in das Ephesos-Museum in Selçuk, das die Funde der Ausgrabungen verwahrt und vor allem für seine Statue der Artemis aus diesem Heiligtum bekannt ist. Es ist eine Artemis, die mit Kybele verschmolzen ist, der Muttergöttin, die Anatolien seit vorgeschichtlicher Zeit verehrte. Ihr hoher Kopfschmuck, der Polos, hat die Form eines dreistöckigen Tempels; unterhalb ihrer Brust stehen vier Reihen kleiner Kugeln für Fruchtbarkeit und Fülle, und der schmale Gürtel an ihrer Taille trägt die Biene, das Wahrzeichen von Ephesos. Löwen, Widder, Hirsche, Greife und Bienen füllen die Felder ihres Gewandes. Das Museum wurde im November 2014 nach einer vollständigen Erneuerung wiedereröffnet.
Der Ayasuluk-Hügel über dem Tempel
Vom Tempel aus sieht man den Ayasuluk-Hügel, auf dem die Johannesbasilika, die Burg und die İsa-Bey-Moschee liegen. Grabungen hier und im nahen Çukuriçi Höyük haben die Geschichte von Ephesos weiter zurückverlegt: Nach der alten Ansicht wurde Ephesos um 1050 v. Chr. gegründet, doch Ayasuluk erweist sich als eine seiner ersten Siedlungen, die bis in die Frühe Bronzezeit zurückreicht. Viele setzen den Hügel inzwischen mit Apasas gleich, der Hauptstadt des Königreichs Arzawa, wobei dies als nahezu sicher, aber nicht als bewiesen gilt.
Die Stadt erhielt den Namen Ayasuluk, nachdem sie im vierzehnten Jahrhundert unter türkische Herrschaft gekommen war, und diente eine Zeit lang als Hauptstadt des Fürstentums der Aydınoğulları. Tempel, Museum und Hügel lassen sich in Selçuk alle zu Fuß besichtigen, und die Ruinen von Ephesos liegen unmittelbar vor der Stadt.




